„Die schönste Anerkennung sind ehrliche Meinungen von Freunden und Experten“

Dr. Nikolaus Schaffer

Dr. Schaffer, geb. 1951, ist Kunsthistoriker
1983 – 2016 Sammlungsleiter am Salzburg Museum
Interessensschwerpunkt ist die Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts

Vorwort aus dem Katalog 2019

Kann man die Bilder von Brigitte Bixner, die hauptsächlich aus Winkeln und geraden Linien gebaut sind, als schwungvoll bezeichnen? Die Frage ist berechtigt, denn von der exakten Malweise her sind sie es nicht. Aber bedarf es unbedingt eines beschwingten Pinsels, tanzender Farbflecken und rasanter Schwünge, um den Eindruck von Belebtheit und
Bewegtheit zu erwecken? Das wäre zu einfach gedacht, denn frische Lebendigkeit und strenge formale Disziplin müssen keine unvereinbaren Gegensätze sein.

Brigitte Bixner hat noch vor acht, neun Jahren in gänzlich unsystematischen Farben geschwelgt, bis sie vom geometrischen Virus angesteckt wurde und seither konsequent und immer konsequenter dabeigeblieben ist. Es ist keine strenge Geometrie, sondern eher eine rhythmische Auffächerung der Bildfläche, die vor allem aus der Spannung der einander konterkarierenden Strichlagen resultiert. Das Zickzack, das Auf und Ab, also der vielfache Richtungswechsel und damit das räumliche Vor- und Zurückspringen der gemusterten Kompartimente, sorgt für Bewegung – bis zur schwungvollen Dynamik. Bixner weiß ihre schrägen „Winkelzüge“ zu positionieren und Witz einzusetzen, wozu eine klassische Geometrie kaum in der Lage ist. Die Zerlegung der Bildfläche ersetzt Modellierung, Perspektive und räumliche Disposition. Runde Formen sind eher die Ausnahme. Gesichter und Gestalten, einzeln oder im Zueinander, in mimischer oder körperlicher Aktion sind ihr Thema; beispielsweise Tanzpaare, Musiker oder Akrobaten, deren raumgreifende Bewegtheit sie in stakkatohafte Richtungsimpulse übersetzt. Das Komische, Clowneske und der parodistische Hintersinn kommen dabei nicht zu kurz, vor allem in den Charakterköpfen.

Mit den Jahren sind nicht nur die Formate, sondern auch der Anspruch an die inhaltliche Programmatik gewachsen. Bixner malt nun erzählerische Tableaus, die mehrfach unterteilt sind, aber dennoch unter einem Thema stehen. Meist hat es mit dem Kreislauf des Lebens zu tun. Dazu findet sie Konfigurationen und Sinnbilder, die in ihrer formelhaften Einprägsamkeit an alte, volkstümliche Bilderfolgen erinnern, für die sie aber ein neues Idiom gefunden hat. Hand in Hand damit ist auch ihre Palette immer gewählter und exquisiter geworden. Diese gewissermaßen epischen Schautafeln, die den Ernst des Lebens zur Geltung bringen, stehen in ihrem Schaffen nun als gewichtige Haltepunkte zu den eher kurzweiligen und erheiternden kleinen Kabinettstücken.
 

Manuela Klerkx

Kunst-Autorin und Kuratorin
Artikel anlässlich der Ausstellung (re) discoveries in Amsterdam, 8-10. März 2024

Die Kunst, insbesondere die Malerei, faszinierte Brigitte Bixner (Österreich ) schon in jungen Jahren, aber während des Krieges und der Nachkriegsjahre gab es nur wenige oder gar keine Gelegenheiten, diese Liebe in die Tat umzusetzen, und schon gar nicht für eine Frau. Als Brigittes Mann in jungen Jahren starb und ihre Tochter ihrer Mutter erst eine Schachtel Farbe und dann eine Staffelei schenkte, beschloss sie, zum Pinsel zu greifen. Und das erforderte Mut. Niemand um sie herum machte Kunst, schon gar nicht in der modernen Art, wie sie mit den realistischen Landschaften und Stillleben der Vormoderne umging. Aber die Kinder waren erwachsen, sie war allein, und so beschloss sie, ihrer Leidenschaft durch allerlei Kurse und Kunstreisen zu folgen und die Kunst der Malerei zu meistern.

Bald entdeckte sie ihre eigene stilisierte und farbenreiche Bildsprache und das Bedürfnis, Menschen - mit ihren Verhaltensweisen und Gefühlen - auf der Leinwand auszudrücken. Menschen – isoliert von ihrer Umwelt – die Gefühle von Einsamkeit und Zusammengehörigkeit durch ihre Kleidung, ein Accessoire, einen abgewandten Blick oder aneinander gelehnt ausdrücken. Die Situationen, die sie malt, wirken oft temporär, als würde jemand eine Frage stellen oder auf eine Antwort warten; mit einem Blick Annäherungen oder Entfernungen. Es sind Gemälde von flüchtigen Momenten und Begegnungen, in denen sich jeder wiedererkennen kann. Man sieht, dass es ihr nicht um dieses eine Individuum geht, sondern um die gesamte Menschheit, die vor allem über Körpersprache kommuniziert (duckend, überrascht, fragend, kokett) und Kontakt oder Distanz sucht.

Die Publikation "Lebenslinien", die 2019 erschien, könnte keinen besseren Titel haben. Lebenslinien schaffen ein Bild von dir selbst und der Welt um dich herum, sie geben deinem Leben Sinn und Substanz. Genau so verwendet Brigitte die Linien in ihren Bildern. Sie verbinden und trennen sich, sie sind gerade oder schief, aber immer funktional in ihrer Fähigkeit, eine Situation oder eine Person/ein Objekt zu gestalten.

In den fast 30 Jahren, in denen Brigitte malte, sehen wir, wie ihre Bildsprache immer einzigartiger und kraftvoller wurde. Linie und Farbe prägen ihre abstrahierten Porträts, die zunehmend ohne Augen, Nase und Mund auskommen. Wie bereits erwähnt, ging es Brigitte nicht um den einzelnen Menschen, sondern um die Linie als Symbol der Verbundenheit. Menschen, Blicke, Körperhaltungen, Accessoires, Kleidung, Körperteile, Musikinstrumente, alles ist durch Linien verbunden oder voneinander getrennt, die Gesichter und Menschen anonymisieren.

Wie Künstler wie Sonia Delaunay, Paul Klee und Wassily Kandinsky, deren Werk sie zweifellos kannte, verband Brigitte abstrakte (kubistische) und figurative Elemente mit einer ausgewogenen Farbtechnik. Durch das Experimentieren mit Farbe und Form – mit kräftigen und manchmal rauen Farbtönen und vereinfachten Formen – erzielte sie große Ausdruckswirkungen. Neben geometrischen Formen sehen wir auch Körperteile und frivole Objekte wie einen Hut oder einen Fächer, aber immer abstrahiert in ein Linienspiel. Es gibt eine Reihe von kleinen Gemälden, auf denen ein Porträt zu sehen ist, gefolgt von demselben Miniaturporträt. Ist das ein Rettungsanker zwischen Eltern und Kind? Zwischen dem Erwachsenen und dem Kind in ihm? Und dann die Beziehungen zwischen Liebenden, die Beziehung zwischen Mann und Musik, Mensch und Kleidung.

Ina Rena Rosenthal

Künstlerin, geb. 1966. Studium der Kunstdidaktik und Psychologie,

Brigitte Bixner malt die Gesichter des Lebens auf eine so facettenreiche und tiefgründige Art, wie sie nur einem Menschen mit über 80 Jahren Lebenserfahrung zusteht. Dabei ist Bixner herrlich frisch und modern, witzig und humorvoll. Außerhalb von Kunstklischees kommt sie eigenständig, unkonventionell und fast schon frech rüber mit ihren Köpfen und Weltenbildern, die allesamt in ihrer Salzburger Wohnung entstehen. Bixner ist ein echtes Kriegskind, geprägt von den Herausforderungen ihrer Zeit, zu der Entbehrung, Verlust und Ungerechtigkeit genauso gehörten wie zwischenmenschliche Verbundenheit, Genügsamkeit und Beständigkeit. Als Autodidaktin kam sie erst in der Lebensmitte zur Malerei. Die Künstlerin ordnete ihre persönlichen Bedürfnisse und Befindlichkeiten zeitlebens allem anderen unter, sie ist von Natur aus eine große Geberin. Um ihr Werk zu verstehen, muss man das wissen, denn Bixners Schaffensdrang wird von dem tiefen Wunsch genährt, zum Guten in der Welt beizutragen. Wie jedem ernsthaft arbeitenden Künstler bleibt aber auch Brigitte Bixner der Blick in den Spiegel nicht erspart, und mit ihm wächst die Notwendigkeit, sich echt und ungefiltert auf die Welt einzulassen.

Bixner stellt sich dieser Aufgabe mit einer fast schon eigensinnigen Bereitschaft, sich voll und ganz einzubringen und bedingungslos anzunehmen, was ihr erscheint. Sie urteilt nicht, das ist ihre große Gabe, sondern sie nimmt wahr und gibt dem Gefundenen Raum und Weite. Ihre Bilder sind eine liebevolle Einladung zur Freiheit und zum inneren Frieden. Die strenge Geometrie von Bixners klaren Formen als starre Konstruktion zu interpretieren, wäre daher ein großes Missverständnis. Sie ist eher das Angebot einer höheren, universellen Ordnung, einer über den Dingen schwebenden, alles verbindenden Struktur. Deren subtiler Strenge stellt Bixner mit ihren fein aufeinander abgestimmten Farbmelodien einen ebenbürtigen Gegenpol zur Seite. Man könnte es vielleicht als harmonische Spannung bezeichnen.

Brigitte Bixners Entwicklung weist über die Jahre eine logische Folgerichtigkeit auf. Ihr OEuvre ist ein organisch gewachsenes Kontinuum, in dem nichts gewollt wirkt, sondern dessen Phasen und Experimente im Rückblick nachvollziehbar und ausgelebt erscheinen. Man spürt, dass sich Bixner mit ihren Inhalten so lange auseinandersetzt, bis es sich für sie „richtig“ anfühlt, wobei sie auf Druck völlig verzichtet. Fernab vom Kunstbetrieb und weitestgehend unbeachtet hat Brigitte Bixner in annähernd 30 Jahren ein ca. 400 Tafelbilder umfassendes Werk geschaffen.